Gründe
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Hier steht meine Begründung auf Deutsch im Februar 2015, warum, mit welchem Ziel, mit welcher Grenzsetzung, in welchem Rahmen ich "Quantities" betreibe.

Ja. Ich zeige hier Alltagsaufnahmen. Jeder kann sie machen. Viele haben sie schon gemacht - und verlacht. Und nicht lange nachgedacht. Ich arbeite diese Alltagsaufnahmen um wie einen Teig: Rühre und gruppiere. Ich versuche mit einer endlichen Menge an Fotos, mit einem Millionstel Ausschnitt aus einer Riesenmasse von trivialen Motiven, von übersehenen Motiven, von Standardmotiven ("Sonneuntergang" ... "Blumen" ... "Touristenziele") zu klären: Was nutzt uns dieses Festhalten?

Und im Prinzip grinst mich die Antwort bald nach Anfang an. Das fotografische Festhalten kann später einmal uns beschenken. Wir sitzen nicht vor der Frage "Was habe ich in meinem Leben getan?", sondern eine Kette von Fotos kann uns eine gewisse Antwort geben: An dem Tag passierte dies, und an jenem Tag unternahmst du das. Wir werden dann feststellen, wie sehr wir eben durch ein Leben liefen, das klein ist - kleine Handlungen mit wenig Wahrnehmung dieser kleinen Handlungen. Wir handeln da typisch und häufig im Prinzip mit dem Rücken an der Wand, weil unsere finanzielle und soziale Situation uns zwingt. Wir zeigen hier und da dann Ausbrüche aus Pflichthandlungen, Zwangszuständen in Momente, die wir selbst gewählt haben: Ein Spiel, einen Ausflug, eine Zweisamkeit, ein gemeinsames Sein in Gruppen.

Wir denken beim fotografischen Festhalten aber nicht sonderlich daran, uns selbst später einmal ein Bild-Tagebuch vor Augen halten zu können. Wir denken an die anderen. Denen wollen wir die Fotos zeigen. Denen wollen wir irgendwas beweisen. Da ist meine These, dass das ein Irrläufer bleibt. Die andern kontern mit ihren Fotos und wollen was? Uns ihre Fotos, ihre Daseinsbeweise auf die Nase drücken. Uns irgendwas beweisen. Im pragmatischen Fall - den man vielfach in den Communities findet und mit dem ich jonglierte beim Zeigen meiner Fotos - ergibt sich ein Deal: Du tust so, als ob dich meine Bilder interessieren, und im Gegenzug tue ich in ungefähr gleicher Menge so, als ob mich deine Bilder interessierten. Nach Art des Behaviorismus habe ich meinen Fotos von sich zeigenden Nachbarn belohnende Kommentare vorgegeben, setzte sie dann aufs Trockene, bis sie mal bei mir auch etwas kommentierten, und belohnte dann so zeitnah wie möglich in gleicher Anzahl, wie sie meine Bilder kommentierten, auch ihre Bilder mit Kommentaren. Diejenigen, die schlicht nie bei mir vorbeischlenderten und ein Bild von mir mit Kommentar belohnten, erhielten nur sehr selten mal wieder einen Testkommentar von mir, damit sie merkten: Da ist einer, der Chris, der gibt im Prinzip Kommentare ab.

Um dieses Spiel des Beschenkens von anderen mit Beachtung im Tausch gegen ein Beachtetwerden durchzuführen, erlebt man sich schlagartig für Stunden des Tages blockiert. Man erlebt sich als Kämpfer in der Urhorde: Ständig hat man ein Auge auf 10, 20, auf zu viele Stammesgenossen. Ich habe mein mit wachen Sinnen arrangiertes behavioristisches Spiel in einer kleinen, vom Internet durch ein Log-In abgeschotteten Gruppe durchgeführt und war für ein erfreuliches Ergebnis - danke, es hat funktioniert, ohne dass ich sagen kann, wer mein Spiel kapierte und mitspielte, wer frei mich mit Kommentaren beschenke, und wer Zufallsgast bleib - schon an jedem Morgen und jedem Abend eine Stunde beschäftigt. Zum Glück hasse ich Werbeeinblendungen - deshalb blieb ich den gewerblichen Plattformen wie Facebook fern.

Zum Glück stehe ich allgemein seitlich von solchem Drängen nach Applaus in der Urhorde, wenn er täglichen Einsatz erfordert. Schön erlebe ich diesen Applaus, den Mann und Frau sich schenken in der Zweisamkeit, und der ebenso wie das Gruppen-Kämpfen durch die neuen Medien nun auch seinen Niederschlag findet in Dokumenten. Bei mir waren das seit 2013 SMS, sein 2014 ist es ein Dialogservice, der Ton, Foto und Film neben Text zulässt (What´s App). Das bleibt dann aber eben Dialog, das ist von der Absicht her nicht öffentlich. Die Geheimdienste hamstern es, mögen sie daran ersticken, und die Hacker ergaunern es, aber das erfordert vor allem bei Prominenten deren Wachsamkeit... Wir unterlassen halt wegen der heimlichen Überwachung aller Internet-Kommunikation Nacktfotos, ein Rest Zensur bleibt, aber man trifft sich ja vor allem leibhaftig - die Kommunikation über eine Entfernung ist ein Zusatzangebot für Menschen wie mich, die die Partnerin nur zweimal die Woche treffen.

Ziel ist mir durchaus auch, dass ich Werke präsentiere, die ohne dieses tägliche Winken auf Augenhöhe mit den Mitmenschen ihren Applaus erhalten. Aus meiner Sicht ist es unfair, unangemessen und oft peinlich, die soziale Welt mit ständigem Herumfuchteln und kleinkrämerischer Applaus-Sucht heimzusuchen. Das lasse ich - und handele mir damit zunächst Fehleinschätzungen ein. Meine unspektakulär gezeigten Kunstwunder, dank des Internet zwar öffentlich, aber aufgrund fehlender Bemühungen um öffentliches Feedback ohne Kommentare durch Instanzen, die das Volk für meinungsgebend hält, ohne die es nicht anspringt - meine Werke grinsen leise vor sich hin und warten auf Dornröschen. Meine Mitmenschen wollen mich als Dienstleister und als geselligen Gesellen. Zu allem weiteren fehlt mir in den Augen meiner Mitwelt die Berechtigung.

Das heißt im harten, aber doch guten Sinn, dass ich als Künstler keine Aufträge erhalte. Ein paarmal pro Jahr schubse ich eine unternehmerische Struktur - einen Verein (zumeist www.uni-film.de), einen Geschäftsmann (er ist Weinvermarkter), einen Mitkünstler (derzeit Wolf Helzle) - ob er oder sie mir eine Kunstaktion ermöglicht. Ich bleibe dabei wunderbar frei in meiner Themenwahl. Ich mache derzeit keine Wettbewerbe und Ausschreibungen mit. Denn eben dieses direkte Schubsen mit einem Vorschlag meiner Wahl funktioniert seit nunmehr sechs Jahren, seit 2008. Und so bin möglicherweise nur ich vorläufig der Leser dieser Seiten hier: "Quantities".

Dass die Fotos hier auf der Straße liegen, heißt nämlich nicht, dass sie jeder aufarbeitet und umwälzt wie nun ich. Jeder wirft sie vielmehr weg, ertrinkt darin, bleibt gleichgültig gegenüber der eigenen Produktion, lässt sich weiterhin Fremdbilder als "das Wichtige" verkaufen, statt sein Eigenleben und sein unmittelbares Dasein dank neuer Medien aufzuwerten, statt auf Augenhöhe zu gelangen zu den ihm verkauften Wichtigkeiten. Im Vergleich zu meinen Kunstunternehmungen bis 2012 bin ich nun in den genutzten Produkten - Fotos hier und dort, Fotos von Hinz und Kunz - kunstlos. Ich arrangiere aber und reflektiere. Hier soeben zum Beispiel. Ich meine, drin zu stecken in einem Klären und konkreten Zeigen, warum, wo, wofür und wie der Mensch die neuen Medien in sein Leben hineinnehmen kann, einschließlich eines Willens, die Überdosis zu unterwandern, eines Willens, im Dokumentieren am Ball zu bleiben und vom Berg der Dokumente hinreichend früh hinabsteigen zu können. Zunächst aber klettere und ringe ich eben hier in "Quantities".